Science Fiction
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Mermaid Project: Episode 1

Mermaid Project: Episode 1

Comic - Science Fiction | Leo, Corine Jamar, Fred Simon
Bewertung: ★★★★★

Eine in New York vertauschte Leiche und ein mysteriöses Schreiben: Für die Pariser Polizei-Inspektorin Romane Pennac zwar ein durchaus makabrer, aber zunächst nicht übermäßig beunruhigender Vorfall. Verschwunden auf seinem letzten Weg nach Paris ist der Leichnam einer jungen Frau, die in einem international tätigen Großkonzern namens Algapower tätig war. Diese Firma hat sich mit gentechnisch veränderten Organismen einen hervorragenden Ruf erworben. Ein zunächst reiner Routinebesuch von Romane und einem französischen Geheimagenten in der amerikanischen Großstadt läuft allerdings bald völlig aus dem Ruder, Menschen sterben und beunruhigende Gerüchte über Algapower werden laut. Eine spritzige, rasante und kurzweilige Agentenstory mit phantastischen Elementen, detailverliebt, ein wenig überspitzt, anspruchsvoll. Ein wirklich spannendes, modernes Lesevergnügen aus einer möglichen Zukunft der Erde, in klassischem Gewande!

Handlung

Was das Schreiben aus New York so besonders macht, ist die Tatsache, dass der Absender das berufliche Umfeld Romanes ganz genau zu kennen scheint. Daher verdächtigt sie zunächst auch ihren Bruder Roger, der ebenfalls bei Algapower arbeitet, zu dem sie aber seit Jahren keinen Kontakt mehr hatte. Die Geschwister können nur unter Beobachtung und abgehört unter Hochsicherheitsbedingungen sprechen, dennoch kann ihr Roger während des Gesprächs unbemerkt einen Hinweis übermitteln. Daher lassen sich der egozentrische Agent El Malik und Romane auch nicht durch eine ganz offensichtlich für sie inszenierte Werksführung bei Algapower abwimmeln. Ein lokaler Polizeikollege namens Diego Molinos gibt sich zunächst ebenfalls abwiegelnd, entschuldigt sich vielfach für den peinlichen Fehler im Bestattungsinstitut. In einem abhörsicheren Raum jedoch berichtet er von eigenen, nicht offiziellen Ermittlungen gegen Algapower und erwähnt Romane gegenüber das erste Mal das mysteriöse Mermaid Project. Kurz darauf muss er die Weitergabe der Informationen mit dem Leben bezahlen, Romane überlebt nur mit viele Glück. In einem Forschungsinstitut in Kanada erfahren Romane und El Malik dann, dass Algapower, die in den Weltmeeren riesige Algenfarmen zur Energiegewinnung betreiben, Delphine als „Wartungs-Werkzeuge“ benutzen wollen. Und dazu führen sie an den Tieren gentechnische Experimente durch, die die Tiere über alle erdenklichen Grenzen hinaus belasten und einem regelrecht die Haare zu Berge stehen lassen. Experimente, die um jeden Preis geheim bleiben müssen, daher schrecken die Verantwortlichen auch vor Mord nicht zurück. Was sich hinter der Bezeichnung Mermaid Project (Projekt Meerjungfrau) verbirgt, lässt sich im Moment nur erahnen!

Bewertung

Zeitlich angesiedelt ist die phantastische Story aus der Feder von Leo und Corine Jamar in der Zukunft, nach einer nicht näher erläuterten „großen Krise“. Deren Auswirkungen auf eine offensichtlich veränderte Weltordnung aber sind kaum zu übersehen: Europäische und amerikanische Großstädte scheinen langsam zu zerfallen, das Pariser Stadtbild ist geprägt von Pferdekutschen und Fahrrädern, der Eiffelturm ist eine Ruine, Pflanzen wuchern aus vernachlässigten Gebäuden. Menschen mit weißer Hautfarbe sind benachteiligt, die UNO spielt weltweit eine tragende Rolle. Kontraste, beispielsweise zwischen ausgefallenen Pferdekutschen einerseits und High-Tech-Unternehmungen wie Algapower andererseits generieren einen besonderen Reiz für den aufmerksamen Leser. Auch die anfänglichen Spannungen zwischen Romane und dem unnahbar, teilweise grobschlächtig wirkenden, in manchen Darstellungen an eine Hyäne erinnernden El Malik steuern ein wichtiges Spannungselement bei.

Zeichnerisch umgesetzt wurde das innovative Szenario von Fred Simon in Anlehnung an klassische Vorbilder der berühmten frankobelgischen Schulen. Er stellt dementsprechend die Personen zwar in vereinfacht-abstrahierter Form dar, dennoch sind alle seine Zeichnungen extrem detailverliebt. An mehreren Stellen scheint dem Künstler regelrecht der Platz auszugehen, immer kleiner und feiner werden die Einzelheiten. Die cartoonartig dargestellten Charaktere bestechen stets durch ihre ausgeprägte Gesichtsmimik, brillante Farbeffekte unterstreichen die jeweils vorherrschende Stimmung. Die sehr detailliert dargestellten Hintergründe, wie beispielsweise bekannte Gebäude und Straßenzüge amerikanischer und europäischer Großstädte, runden das Gesamtkunstwerk ab. Natürlich darf auch die humoristische Komponente nicht zu kurz kommen, beschränkt sich aber überwiegend auf passend eingestreute Situationskomik, die dafür umso effektiver wirkt.

Fazit

Das im Original bereits 2012 veröffentlichte Mermaid Project ist ein abwechslungsreiches, gut durchdachtes und höchst unterhaltsames Science-Fiction Abenteuer, das mit vielerlei Überraschungen und liebevoll ausgearbeiteten, phantastischen Facetten aufwarten kann. Ein bestechend ausgeführtes Comic-Werk, das mit ernsten Themen wie der Gewinnung und Nutzung von weltweit verfügbaren Energieressourcen und anderen sozialkritischen Aspekten zusätzlich an Tiefe gewinnt. Am Ende dieser ersten Episode wird der Leser allerdings mit mehr Fragen als Antworten zurückgelassen, selbst der Titel des Albums liegt zunächst noch weitgehend im Dunkeln. Der geneigte Leser dürfte das Erscheinen des zweiten Bandes der edlen Hardcover-Edition der Serie mit größter Vorfreude erwarten. Absolut empfehlenswert!