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Audrie & Daisy

Audrie & Daisy

Dokumentation | Trailer | Bewertung:★★★★★

„Audrie & Daisy“ ist eine harte Dokumentation und nichts für schwache Nerven. Es werden - zum Glück! - keine verstörenden Bilder gezeigt, aber das Leid, das den Frauen widerfahren ist, stößt übel auf und macht sauer. Die Netflix-Dokumentation erzählt von jugen Frauen, die unter Alkoholeinfluss missbraucht wurden. Sie zeigt die Kleinstadtproblematik, in der der ermittelnde Sheriff zu Wort kommt, der dem Opfer die Schuld gibt oder einen Bürgermeister, der lieber über den örtlichen Golfplatz oder den besten Angelteich der Gegend erzählt. Widerlich und abscheulich. Erst die Hackergruppe Anonymous sorgt für eine ernsthaftere Aufklärung.

Handlung

Im Jahr 2012 trinkt die unerfahrene Teenagerin Audrie Pott bei einer Party zu viel. Während sie bewusstlos im Bett liegt, malen vermeindliche Freunde sie an und missbrauchen sie sexuell mit einem Gegenstand. Die Täter machen Fotos und stellen diese sogar ins Netz. In den nächsten Tagen ist sie das Gesprächsthema Nummer eins. Vor lauter Verzweiflung, ihre komplette Welt ist gerade in sich zusammengebrochen, bringt sie sich acht Tage später um. Ihre Peiniger werden lediglich zu 30 bis 45 Tagen Freiheitsentzug verurteilt. In einem anderen Ort erleidet Daisy etwas ähnliches. Mit zu viel Alkohol im Blut wird sie Opfer einer Männergruppe. Auch von dieser abscheulichen Tat werden Aufnahmen gefertigt. Für Daisy hört das Grauen aber nicht auf, denn sie muss sich extremen Cybermobbing aussetzen.

Bewertung

Netflix hat mit seinen Kriminal-Dokumentationen „Making a Murderer“ oder „Amanda Knox“ bereits für Schlagzeilen gesorgt. In „Audrie & Daisy“ lassen die Produzenten nicht nach und setzen in Sachen Deftigkeit noch einen drauf. Wenn ich es mal so geschmacklos ausdrücken darf, denn genau das ist es. Junge Frauen haben es nicht leicht in der Gesellschaft, sie müssen immer eine gute Figur machen. Sie müssen den Normen entsprechen. Nach einer Vergewaltigung suchen sie oft die Schuld bei sich und die Leute in ihrem Umkreis fangen an mit dem Finger auf sie zu zeigen. Sätze wie „Warum hat sie auch so einen knappen Rock getrangen“ und „Die war doch eh besoffen und wollte es doch“ fallen. Audrie und Daisy haben genau das durchgemacht. Nicht „nur“, dass sie vergewaltigt wurden, sondern sie mussten sich als Opfer gegen die Öffentlichkeit und das anonyme Internet stellen. Ihre Bilder verbreiteten sich wahrscheinlich wie ein Lauffeuer unter den Mitschülern.

Aber für solche Sachen gibt es die Polizei. Sie ist dafür da diese Menschen hinter Gittern zu bringen. Der Staatsanwalt wird sie schon für eine lange Zeit einbuchten. Auf Facebook und Co. gibt es schließlich staatliche Stellen, die gegen Fake-News vorgehen, dann wird es bestimmt eine Behörde geben, die sich um solche Sachen kümmert. Es wäre so schön…

Die Welt ist aber anders. Der Dorf-Sheriff hat zwar oberflächlich ermittelt, aber verkündete vor laufender Kamera stolz, dass die Schuld bei den Mädchen liegt und nicht immer bei den Jungs. Autsch! Tja, wenn der Polizeichef direkt von der Bevölkerung gewählt wird und anscheinend mit jedem befreundet ist, dann könnte darunter die Aufklärung leiden. Der Staatsanwalt hingegen stellte nach intensiver Lesung der Aktenlage fest, dass es nicht für eine Anklage reicht. Und die von mir ins Spiel gebrachte staatlich geprüfte Behörde (ähnlich der geplanten Anti-Fake-News-Einrichtung), gibt es natürlich nicht.

Übrig blieben Frauen, die für ihr Leben gebrochen sind, Frauen, die sich selbst umbringen, ein Mob der die Opfer jagt, ein gesetzloses Internet und ein Sheriff, der möglicherweise der Meinung ist, dass Mädchen mit zu knappen Röcken und die zu viel Alkohol im Blut haben, selber Schuld an ihrer Vergewaltigung sind. Mit anderen Worten würde mein unprofessionelles Fazit lauten: Ein Sumpf voller Arschlöcher!

Wer glaubt, dass so etwas nur weit weg im bösen Amerika stattfindet, dem sei der Zeitungsbericht der „Zeit“ „Gruppenvergewaltiger kommen frei“ ans Herz gelegt. Das Vorgehen aus Hamburg ist gleich. Ein junges Mädchen war betrunken, die Täter vergingen sich nacheinander an ihr und die Freundin des Opfers (besonders deftig!) holte ihre Kamera und filmte. Aber keine Angst, die junge Filmemacherin bekam nach Jugendstrafrecht nur ein Jahr auf Bewährung. Das Leben einer Frau zerstört. Während die Peiniger weiter machen, zur Schule gehen und ihren Abschluss machen. Sie dürfen Geld verdienen und Spaß haben. Ob dies in Hamburg der Fall ist, kann ich nicht beurteilen. Aber in „Audrie & Daisy“ hat mein neuer Lieblingssheriff davon erzählt, dass seine Jungs bestimmt bald studieren werden und das sich der andere ganz gut in der Schule macht! Wenn man so etwas sieht oder liest, kann man sich gar nicht entscheiden, ob man lieber kotzen will oder vor lauter Wut platzen wird.

Allen, die solch etwas ertragen müssen, sei an dieser Stelle der Mut gewünscht, den Fall zur Anzeige zu bringen. Mögen die milden Urteile auch noch so abschreckend wirken. Hier eine gute Adresse für gute und anonyme Hilfe: https://www.nummergegenkummer.de/kinder-und-jugendtelefon.html.

Wenn es auch schwer fällt, ich komme zur Kritik von „Audrie & Daisy“ zurück. Die zeigt, wie oben bereits geschrieben, keine verstörenden Bilder. Dennoch werden einige Beweisstücke präsentiert, die schaurig genug sind. Zwei der Täter hatten einen Vergleich unterschrieben, in der sie mit dem Netflix-Team ein Interview führen mussten. Die beiden jugen Männer werden aber nur als Comic-Figuren dargestellt. Von den ach so tollen starken Typen blieb wenig übrig. Sie stotterten und schauckelten wie kleine, verängstigte Kinder auf ihren Stühlen hin und her.

Fazit

Die Netflix-Produktion „Audrie & Daisy“ ist heftig, gemein und entsetzlich. Dennoch sind solche Dokumentationen wichtig. Sie sollen berühren, sollen anonymen Opfern den Mut geben, sich zu melden und sollen vor allem das System hinterfragen.