Komödie
Register
Franquin – Es waren einmal Schwarze Gedanken

Franquin – Es waren einmal Schwarze Gedanken

Comic - Komödie | André Franquin
Bewertung: ★★★★★

Ein recht genialer Schachzug vom Carlsen Verlag, den achten Band der Spirou und Fantasio Gesamtausgabe und Franquins Schwarze Gedanken praktisch zeitgleich zu veröffentlichen. Das eine beginnt dort wo das andere aufhört: Obwohl Franquin noch viele Jahre klassische Arbeiten für Spirou lieferte, begann er doch auch verstärkt, sich anderweitig zu orientieren und zeichnerisch zu experimentieren, half beim Aufbau junger Magazine und Formate, erschuf ganze Heerscharen von kleinen liebenswerten und auch weniger sympathischen Monstern. Und eine ganz besondere Serie von Franquin waren ab 1977 seine Schwarzen Gedanken. Alles Kurzgeschichten, mal länger und mal kürzer, gesellschaftskritische Geschichten, die überwiegend in schwarz-weiß gehalten sind und allesamt eine äußerst bissige, schwarze aber Gott sei Dank auch humorvolle Seele enthalten!

 

Bewertung

Die vorliegende Edition präsentiert eine gut ausgewogene, kurzweilige Mischung aus Comic-Kurzgeschichten, dokumentarischem Hintergrundmaterial, Originalzeichnungen, Fotos sowie ausführlichen Interviews rund um Franquin. Seine Tochter Isabelle, viele seiner Freunde und früheren Kollegen, Weggefährten und Verehrer kommen zu Wort und auch Franquin selbst. Mehrere der Texte wurden erst 2016, also fast 20 Jahre nach seinem Tod veröffentlicht und ermöglichen somit auch einen distanzierteren Rückblick auf sein Werk und den Menschen Franquin. 1976 war das Geburtsjahr der Schwarzen Gedanken, obwohl später von Franquin selbst gemutmaßt wurde, dass der eigentliche Grundstein für diese Serie bereits während seiner Arbeit an QRN ruft Bretzelburg durch die Beschäftigung mit Dr. Kilikil gelegt wurde. Im Jahre 1976 also schlagen er und Yvan Delporte dem Verleger eine neuartige, unabhängige Beilage namens Le Trombone Illustré zu Spirou vor, die dem Leser moderne, spritzige, eher unkonventionelle Illustrationen und Comics vorstellen sollte. Passenderweise befand sich die Redaktion von Le Trombone Illustré in den Kellerräumen des Verlages. Und hier nun fanden die Schwarzen Gedanken zumindest für 30 Ausgaben der Beilage ihre vorläufige Heimat. Ihre Fortsetzung in Charlie Hebdo war angedacht, Franquin entschied sich dann aber doch für das Magazin Fluide Glacial seines Freundes Gotlib. Bis auf nur drei Ausnahmen stammen alle diese kleinen, erheiternden, oftmals wirklich fiesen und manchmal auch gruseligen, ja hin und wieder sogar etwas abstoßenden, aber immer perfekt auf den kritischen Punkt gebrachten Geschichten alle aus Franquins „Rotring“. Cartoons, die überwiegend die dunkle Seite illustrierten, aber indirekt auf gute und schöne Dinge hinwiesen. Viele der Schwarzen Gedanken standen unter einem bestimmten Motto, z. B. Fortschritt, Krieg, Umwelt oder Jagd. Als ein interessantes Beispiel für einen Schwarzen Gedanken möge der einen Schleudersitz testende Hubschrauberpilot dienen, der in feine, gleichmäßige Häppchen zerteilt wird. Erwähnenswert auch die „Sicherheitsmunition für Hasen“. Manche Geschichten erscheinen selbst für die heutige Zeit fast ein klein wenig grenzwertig, makaber, manchmal fast schon obszön oder auch richtig gruselig, was die Arbeiten aber natürlich nur umso interessanter macht. Bei einer Illustration wurde ich tatsächlich an den EC Meister Ghastly erinnert. Harter Tobak ist auch die „Gaston Seite für Amnesty International“! Mit der Zeit schienen die Cartoons allerdings weniger konkret, wirkten manchmal fast schon abstrakt und skurril.

Darüber hinaus quillt das Album regelrecht über vor faszinierenden kleinen Anekdoten, Fotos und Geschichten um Franquin: Beispielsweise sein graphischer Schlagabtausch mit den damaligen Verantwortlichen bei Spirou, als Protest gegen Werbungen für Kriegsgerät im Magazin, seine schauspielerischen Monstereinlagen oder seine „Sprechstunden“ für junge Künstler sowie seine ständige Zeitnot, weil er eben neben seinen eigenen Projekten wirklich alle Wünsche und Bitten erfüllen wollte. Einmal wurde Franquin tatsächlich allen Ernstes wegen der Karikatur eines Bischofs von Joseph Gillain (Jijé) ausgeschimpft – doch das hielt ihn keineswegs davon ab, in mehreren Kurzgeschichten sein eher gespaltenes Verhältnis zum Thema Religion kundzutun. Auch die weniger schönen Zeiten von Depression und Krankheit werden thematisiert, seine Tochter gewährt auch private Einblicke. Insgesamt ein Buch, in dem man sicher auch beim zweiten und dritten Durchblättern noch etwas Neues entdecken kann!

Besonders faszinierend fand ich eine Äußerungen Gotlibs in einem Interview von 2005, eine Ansicht, die auch in einem anderen Fachartikel aufgegriffen wurde: Von Natur aus ein friedliebender, sensibler und bescheidener Zeitgenosse, waren André Franquin manche, von Menschen verursachte Geschehnisse der damaligen Zeit ein Gräuel: Ausbeutung von Mensch und Natur, (Kalter) Krieg, Todesstrafe, Waffen und auch so manche Facette des vielbeschworenen Fortschritts, beispielsweise die Atomkraft. Eine Vielzahl seiner Schwarzen Gedanken sind auch heute noch überraschend aktuell und wirken in einigen Fällen gar modern. Beispielsweise gab es auch in den Sechziger Jahren schon kritische Vorbehalte gegen Nukleartechnologie. Und durch die Schwarzen Gedanken schrieb und zeichnete er sich offenbar so manchen Kummer von der Seele, „brachte Dinge zu Papier, die ihn schmerzten“. Doch scheinbar litt er auch unter dieser ständigen Beschäftigung mit düsteren Empfindungen, denn letztlich stellte er die Arbeit an dieser Serie ein und wandte sich wieder seinem liebenswerten Gaston zu. Im Zeichen des immerwährenden Fortschritts zwar eine wenig hilfreiche, aber umso verständlichere, menschliche Haltung. In diesem Zusammenhang finde ich es auch äußerst bezeichnend, dass in all den Gesprächen, Diskussionen, Aufsätzen und Erzählungen nicht ein einziges Mal negativ oder schlecht über André Franquin gesprochen wurde, mit keinem Wort! Er muss wohl wirklich ein besonderer Mensch mit einem gewinnenden Lachen gewesen sein!

Fazit

Die Gesamtausgabe von Franquins Schwarzen Gedanken ist nicht nur eine chronologische Neuveröffentlichung von zeitkritischen Kurzgeschichten voller bitter-bösem Humor, sondern präsentiert auch einen umfangreichen Einblick in das Wirken und Schaffen von Franquin nach Spirou und Fantasio. Durch ausführliche Interviews mit ihm selbst, seiner Tochter und engen Wegbegleitern sowie umfangreiche Essays von befreundeten Künstlern lernt man auch den Menschen Franquin etwas besser kennen. Mehrere Hommagen an den Künstler runden die graphische Werkschau ab! Stets bescheiden und zurückhaltend, aber immer an neuen Experimenten und jungen Menschen interessiert. Ein Wegbereiter des modernen Comics, der sich auch durch seine gesundheitlichen Probleme nicht aufhalten ließ! Ein rundum faszinierendes und fesselndes Werk in edler Hardcover-Edition, absolut empfehlenswert!