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Lingotopia

Lingotopia

Game - Simulation
Bewertung: ★★★★★

Lingotopia ist ein interaktives Sprachlernspiel, welches mit einem open-world-ähnlichen Ansatz ein mehr oder weniger freies Erkunden und Lernen ermöglichen soll. Zur Auswahl stehen neben sechs Muttersprachen, von denen aus sich Englisch lernen ließe, insgesamt sechs offizielle Sprachen (Chinesisch, Französisch, Deutsch, Russisch, Spanisch und Japanisch), sowie 24 von der Community hinzugefügte Sprachen (unter anderem Kroatisch, Dänisch oder Portugiesisch). Vollständig mit allen verfügbaren Sätzen und Sprachausgaben versehen sind aber lediglich die offiziellen Sprachen.

Handlung

Mit unserem nicht weiter kommentierten Hauptcharakter in lilafarbenem Mäntelchen liegen wir zu Beginn des Spiels an einem Strand, an dem wir augenscheinlich gestrandet sind. Dies geben aber vor allem Infotexte über das Spiel auf verschiedenen Plattformen preis, innerhalb des Spiels selbst bleiben derartige Storyelemente Interpretationssache, denn nur sehr wenig wird direkt mitgeteilt. Offensichtlich befinden wir uns an einem Ort, an dem wir die Sprache der Bewohner nicht sprechen. Dennoch nimmt uns eine schafsähnliche Kreatur unter ihre Fittiche und führt uns durch die Stadt, wo wir von Bewohner zu Bewohner laufen, um uns anzuhören, was diese zu sagen haben. Dabei müssen wir die Bedeutung einzelner Worte erraten, welche bei richtiger Antwort in eine Vokabelliste eingefügt werden. Sollten sie in späteren Aussagen anderer Dorfbewohner erneut auftauchen, werden sie außerdem violett markiert, was bedeutet, dass wir uns ihre Übersetzung anzeigen lassen können. Außerdem sind in der Stadt verteilt Tafeln, auf denen uns grammatikalische und formale Eigenheiten der fremden Sprache erklärt werden, sowie Objekte (Bäume, Blumen, Geschäfte, Bänke etc.) für die wir uns eine Übersetzung anzeigen lassen können.

Trailer

Bewertung

Um eine Bewertungsgrundlage zu schaffen habe ich die Sprachen Französisch und Kroatisch (keinerlei Vorkenntnisse), sowie Portugiesisch (geringe Kenntnisse) je ca. 30-60 Minuten angespielt.

Man merkt Lingotopia deutlich an ein (quasi) „Ein-Mann-Projekt“ zu sein. Die Vision des Schöpfers Tristan Dahl sticht klar heraus: Interaktiv Sprachen lernen. Dennoch werden die relativ geringen finanziellen Möglichkeiten des über Kickstarter finanzierten Projekts sowohl von technischer, als auch von inhaltlicher Seite deutlich.
Die Grafik, bzw. der Stil an sich, ist stark simplifiziert. Aus simplen Formen setzen sich die tierischen Bewohner der Stadt, sowie Häuser und Objekte zusammen. Dies sorgt für eine eigentlich ganz charmante Optik und wäre auch nicht weiter schlimm (von einem solchen Spiel erwartet niemand die Optik eines Triple-A-Titels), wenn nicht gelegentlich Objekte, deren Übersetzung wir uns einholen, nicht wirklich erkennbar wären. Dann müssen wir erst einmal unsere Vokalliste öffnen und bis zum Ende scrollen, um herauszufinden für was uns da nun eigentlich ein Wort in fremder Sprache angeboten wurde.
Ebenfalls technisch etwas holprig wird es bei der Steuerung des eigenen Charakters, sowie den Wegen, die unser stummer Begleiter geht. Eine frei drehbare Kamera zum Beispiel hätte dem Spiel durchaus gutgetan, denn immer wieder drehen wir uns wild im Kreis und gehen vor uns zurück, bis es uns endlich möglich ist auf ein Objekt zu klicken, welches wir „aus dem Augenwinkel“ entdeckt haben. Ebenso bleiben wir häufig mit unserer Spielfigur an Objekten hängen, was besonders dann ärgerlich ist, wenn unsere Begleitung wieder einmal die Abkürzung durch Häuserwände oder Flüsse genommen hat. Glücklicherweise kehrt sie immer wieder zu uns zurück, wenn wir uns in solchen Fällen einfach selbst auf die Suche nach der nächsten ansprechbaren Person machen.

Aus linguistischer Sicht reicht mein Bachelorstudium der Anglistik vermutlich nicht aus, um eine tiefgreifende fachliche Einschätzung der angestrebten Lernmethoden abzugeben. Dennoch kamen mir während meines Tests sofort Vergleiche, Ideen und Fragen in den Kopf, was eben genau diese didaktische Komponente anbelangt. Die Grundidee, durch freies Erkunden seinen Wortschatz zu vergrößern ist ebenso simpel wie genial. Das freie Abfragen von Vokabeln durch Klick in die Umgebung gelingt und macht weckt die Neugier. Dennoch hätte es hier und da ruhig einige wenige Instruktionen mehr geben können, die mir als Spieler und Lernender vorgeben, warum ich gerade tue was ich tue. Das hätte dem Ganzen möglicherweise auch spielerisch gutgetan, da so eine Möglichkeit entstanden wäre kleinere Zwischenaufgaben lösen zu lassen, die eventuell erst den Weg in einen nächsten Abschnitt eröffnen. In der jetzigen Form wirkt der Ablauf etwas ziellos.

Was ich in dieser Hinsicht ebenfalls sehr kritisch sehe ist das Erraten von einzelnen Vokabeln aus Texten der Passanten, die mit dem Spieler kommunizieren wollen. Erst nach einiger Spielzeit ergeben sich einzelne Wiederholungen, sodass Teile eines Satzes als „bekannt“ markiert werden. In den seltensten Fällen reicht dies aber tatsächlich aus, um einen Zusammenhang zu schaffen, der tatsächlich hilft, um andere fehlende Worte zu erahnen. In den Sprachen, die ich getestet habe konnte ich mir meist nur durch Wissen um ähnliche Wörter in verwandten Sprachen weiterhelfen. Ansonsten wurde wild geraten, was vermutlich bei den meisten Spielern dazu führen wird, dass diese Vokabeln mit weitaus weniger Aufmerksamkeit wahrgenommen werden.

Fazit

Bei Lingotopia hakt es an vielen Ecken und Enden. Technisch wirkt es hier und da noch sehr unfertig, spielerisch fehlt es ein wenig an kleinen Kniffen, um das Konzept spannender und vor allem zielführender umzusetzen. Dennoch wäre es unfair nicht auch zu honorieren, welcher Mammutaufgabe sich Schöpfer und Entwickler Tristan Dahl furchtlos mit verhältnismäßig wenig Unterstützung gestellt hat. Nicht ohne Grund konnte er sein Projekt über Kickstarter finanzieren, denn der Ansatz interaktiver Sprachlernmethoden ist denke ich nach wie vor Vielen ein Begriff. Anfang bis Mitte der 2000er-Jahre zum Beispiel wurde viel mit virtuellen Kursen in „Second-Life-Umgebungen“ experimentiert, die sich letztendlich nicht durchsetzen, weil sich die Form des Lernens zwar auf digitale Umgebungen verlagerte, aber eben doch nicht gravierend von klassischen „Klassenraumsituationen“ unterschied. Ein Spiel wie Lingotopia stellt da einen vielversprechenderen und interaktiveren Ansatz dar, der aber in dieser Form das klassische Sprachenlernen noch nicht adäquat ersetzt, bzw. unterstützt.
Ich bedanke mich bei Tristan Dahl für das Bereitstellen des Reviewkeys und wünsche ihm und dem kleinen Team von Lingo Ludo bei ihrer weiteren Arbeit alles Gute und werde das Projekt weiter interessiert im Blick behalten. Das Potenzial ist hier sicherlich noch nicht ausgeschöpft und es wäre wünschenswert, wenn das Projekt (auch aus finanzieller Sicht) weiterlaufen - und sich eventuell in Zukunft verbessern - könnte.

Lingotopia ist für 20,- EUR auf Steam erhältlich.