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I, Tonya

I, Tonya

Filme - Filmbiografie | von Craig Gillespie; mit Margot Robbie, Allison Janney
Bewertung:★★★★★

Das Eisenstangen Attentat kurz vor der Olympischen Winterspielen 1994 in Lillehammer ist eine der größten Ereignissen in der Geschichte des amerikanischen Eiskunstlaufens. Wer aber noch nie was davon gehört hat, oder die Namen Nancy Kerrigan und Tonya Harding kennt, hier eine kleine Einführung.

Handlung

Nancy Kerrigan von einem unbekannten mit einer Eisenstange angegriffen. Dabei wurde ihr Knie verletzt und sie konnte nicht an der Meisterschaft teilnehmen. Die Drahtzieherin wird schnell gefunden: Kerrigans ärgste Konkurrentin Tonya Harding. Oder ist sie doch unschuldig? Der Film "I, Tonya" behandelt zwar das Attentat an Nancy Kerrigan, legt den Fokus jedoch auf das Leben der ersten amerikanischen Eiskunstläuferin, die den Triple Axel – eines der schwierigsten Sprünge im Eiskunstlaufen – in einer Meisterschaft erfolgreich stand. Und ihr Leben war alles andere als leicht. Geboren in eine sehr arme Familie aus Portland, Oregon, war die als “white trash” bezeichnete Tonya eine Außenseiterin in der Eiskunstlaufszene: sie schneiderte ihre Kostüme selbst, ihre Kür war zu den Tönen von Guns ‘n Roses oder zum Soundtrack von Jurrasic Park choreografiert und sie streitete sich oft mit der Jury.

Trailer

Bewertung

Tonyas Leben - von ihren Anfängen bis zu ihrer zweiten Karriere als Boxerin - wird im pseudo-dokumentarischen “I, Tonya” erzählt. Der Wechsel zwischen Interviewaufnahmen der Figuren und der chronologisch erzählten Handlung bringt eine gewisse Frische in das Genre des Sportbiopics. Dadurch, dass die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird, kommt es oft zu witzigen Brüchen in der Geschichte - wie z.B. wenn Tonyas Ehemann Jeff von einem besonders gewalttätigen Streit zwischen ihm und Tonya erzählt, in dem sie auf ihn schießt. Während dieser Szene bricht Tonya die vierte Wand und spricht den Zuschauer direkt an: “Das ist so nie passier”, erzählt sie dem Zuschauer, während sie die Waffe nachlädt und noch einmal schießt. Diese und ähnliche Szenen sind das Ergebnis eines sehr kreativen und lustigen Drehbuchs von Steven Rogers. Die Inspiration kam von Interviews, die er mit Tonya und Jeff geführt hat. Dass sie die Ereignisse sehr unterschiedlich nacherzählt haben, war für ihn die zündende Idee für den Film.
Ein tolles Drehbuch macht einen guten Film zwar erst möglich, doch ohne die passenden Schauspieler ist es nicht viel Wert. Glücklicherweise passen die Darsteller wie die Faust aufs Auge. Allison Janney, die sehr verdient den Oscar als beste Nebendarstellerin bekommen hat, spielt Tonyas Mutter LaVona. Man hasst sie von Anfang an mit solch einer Inbrunst, dass es fast weh tut. Sie schlägt und beleidigt Tonya am laufenden Band, ist aber davon überzeugt, das Beste für ihr Kind zu tun. Und weil sie von klein auf Gewalt von Liebe nicht auseinander halten kann, verliebt sie sich in den gewalttätigen Jeff. Darsteller Sebastian Stan zeigt in “I, Tonya”, dass er nicht nur Superheld, sondern auch witzig sein kann. Denn Jeff ist zwar gewalttätig - einmal bedroht er Tonya mit einer Waffe, weil sie sich von ihm getrennt hat. Doch er ist so unglaublich dumm, dass man laut lachen muss. Die unglaublichste aller Figuren ist aber Jeffs Freund und Tonyas Bodyguard Shawn. Man denkt die ganze Zeit, dass der Film den Typen etwas krasser darstellt als er in Wirklichkeit ist: Er behauptet, er wäre Ausbilder diverser Geheimorganisationen und Teil der Spezialeinheit des Militärs gewesen. Am Ende des Films wird jedoch klar, dass der Typ wirklich einfach durchgeknallt ist. Denn während der Credits laufen Originalaufnahmen der Figuren, unter anderem auch Interviews die während der FBI Untersuchungen aufgenommen wurden. Und vor allem hier zeigt sich das Talent der Schauspieler. Sie verkörpern ihre Figuren voll und ganz. Aber von den Darstellern von “I, Tonya” zu reden, ohne Margot Robbie zu erwähnen, wäre Blasphemie. Sie spielt die Eiskunstläuferin so vollkommen, dass man mit der Figur mitfiebert, auch wenn sie nicht die sympathischste Person ist. Ihr Leben war zwar alles andere als einfach, aber sie gibt allen anderen die Schuld an allem, was schief läuft. Dass ihre Leistung abnimmt liegt nicht daran, dass sie fast jeden Tag säuft und kaum trainiert. Nein, manchmal sind es die Schuhe, manchmal ist es die Trainerin. Aber weil Robbie so wunderbar sensibel spielt, ist man als Zuschauer gezwiespaltet. Man will bis zum Ende – obwohl man ja weiß, wie die Geschichte ausgeht – dass Tonya alle Medaillen gewinnt!
Aber was am Ende des Films am meisten in Erinnerung bleibt sind die Szenen die Tonya während ihrer Küren zeigt. Zwar merkt man teilweise sehr deutlich, dass manche Teile am Computer generiert wurden – selbst wenn Margot Robbie jahrelang hart trainieren würde, könnte sie wahrscheinlich keine Sprünge wie den Triple Axel vollbringen. Aber Regisseur Craig Gillespie hat es geschafft, so etwas Langweiliges wie Eiskunstlaufen sehr dynamisch und spannend zu inszenieren. Diese Szenen erinnern ein bisschen an “Black Swan”, der ähnliches mit Ballett Choreografien geschaffen hat.

Fazit

“I, Tonya” ist keineswegs nur was für Liebhaber des Eiskunstlaufs. Der Film sticht hervor durch tolle Darsteller, ein kreatives Drehbuch und dynamische Eiskunstlaufszenen, die Bock machen, sich mehr für Eiskunstlaufen zu interessieren.
P.S.: Dass Margot Robbie keinen Oscar als beste Darstellerin bekommen hat, ist eine Schande!