Drama
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Ar-Men

Ar-Men

Comic - Drama | Emmanuel Lepage
Bewertung: ★★★★★

Erneut nimmt Emmanuel Lepage den Leser mit auf eine außergewöhnliche, eine einzigartige Reise in eine entlegene Region der Welt, wo die zerstörerischen Naturgewalten ihre Gesetze dem Menschen diktieren. Aber auch eine traumähnliche Reise durch die Zeit und die tiefsten, menschlichen Gefühlswelten. Warum begeben sich Männer freiwillig auf ein völlig vom Rest der Welt isoliertes Stück Fels, lediglich mit einer groben Steinmauer zwischen sich und den tobenden, tödlichen Urgewalten der bretonischen See? Und wie konnte der Leuchtturm namens Ar-Men dort überhaupt errichtet und betrieben werden? Auf über 80 bildgewaltigen grandiosen Comic-Seiten widmet sich Emmanuel Lepage diesen Themen, taucht ein in die fremd anmutenden Gefilde um die Insel Sein, diskutiert ihre Geschichte ebenso wie ihre Mythen und Sagen sowie die Motive vom Schicksal gezeichneter Menschen. Ein Werk, eine Dokumentation, die den Leser - wenn er sich nur darauf einlässt - erschaudern lässt. Ein Blick in die Seele! Echt grandios!

Handlung

Man schreibt das Jahr 1962. 20 Tage lang dauert für Germain eine Schicht auf Ar-Men, gemeinsam mit einem zweiten Wärter. Der nur auf einem Stück Fels errichtete Leuchtturm vor der Atlantikküste der Bretagne gehört zu einer Reihe von Warneinrichtungen, unter anderem auf der nahen Insel Sein und der Pointe du Raz, die Schiffe sicher durch die felsige Brandung der sogenannten „Chaussee“ leiten sollen. Die „Hüter der Iroise-See vor Brest“! Die beiden Männer sind nicht sehr gesprächig, jeder scheint sich fest auf seine Arbeit zu konzentrieren: Treppen ausbessern, das Funkgerät warten, das Essen zubereiten und bei Einbruch der Dämmerung die weithin strahlende Quecksilber-Beleuchtung von Ar-Men zu aktivieren, was fast wie eine religiöse Zeremonie abläuft. Tatsächlich sind beide Männer aber in ihren eigenen kalten Gefühlswelten gefangen, vermögen sich nicht zu befreien: Germain spricht ständig mit seiner kleinen Tochter, die er vor Jahren an die Fluten verloren hat, deren Tod er nicht verhindern konnte. Louis war lange Jahre im Krieg und nur ein Teil von ihm fand den Weg zurück in seine Heimat. Eines abends dann zog ein verheerender Sturm auf und brach mit aller Gewalt über Ar-Men herein. Binnen weniger Sekunden war die Tür zum Funkraum aufgebrochen und überflutet, das Licht erloschen und Louis schwer verletzt. Für einige Zeit waren die beiden nun auf sich alleine gestellt. Während der Aufräumarbeiten entdeckte Germain dann hinter abgebröckeltem Wandputz eine Schrift. Bald hatte er einen ganze Lebensgeschichte freigelegt, verfasst von Moizez, dem ersten Wärter und Miterbauer von Ar-Men. 1850 wurde er als Baby in den Trümmern eines Schiffes auf der Insel Sein gefunden. Von den einheimischen Kindern stets ausgegrenzt, nur von der Mutter geliebt, flüchtete er sich in Traumwelten, die Mythen und Sagen von Sein. Die Seherin Velleda wurde seine Vertraute, der mächtige Zauberer Merlin sein Verbündeter, das verlorene Reich Ys sein Traum. Und oftmals sah er mit seiner Mutter das Geisterschiff Bag Noz die Chaussee durchfahren, am Steuer der Bote der Toten! Als Jugendlicher dann beteiligte er sich voller Begeisterung an der mühsamen Errichtung des Leuchtturmes, die 15 lange Jahre und nochmals 10 weitere dauern sollte. Gegen vielerlei Widerstände musste er ankämpfen, nicht nur die tosenden und tödlichen Stürme und Fluten standen zwischen ihm und der Erfüllung seines Lebenstraumes. Denn viele Bewohner von Sein konnten sich in schlechten Zeiten nur vom Strandgut verunglückter Schiffe ernähren!

Germain und Louis sind derart von den alten Geschichten fasziniert, dass sie ihre eigenen Probleme kurzfristig vergessen. Und die vernichtende Gewalt des Sturmes hatte auch etwas Gutes: Dem Tode nur knapp entronnen, in die aufgehende, gleißende Sonne blickend, sagt Louis zu Germain: „Lass Sie gehen“. Und Germain tut genau das.

Bewertung

Inspiriert zu dieser außergewöhnlichen Thematik wurde Lepage durch eine Einladung zu den Dreharbeiten am Film „Die Hüter unserer Küsten“. Danach begannen die Recherchen und viele intensive Gespräche, unter anderem mit dem letzten Wärter von Ar-Men und Ambroise Menou, dem „lebenden Gedächtnis der Insel Sein“. Emmanuel Lepage (Ein Frühling in Tschernobyl, Weiß wie der Mond) setzt seine Comic-Dokumentation mit einem realistischen und ausdrucksstarken Strich um, der sowohl Personen, ihre Gefühlswelten, als auch die faszinierenden Landschaften perfekt einzufangen vermag, beständig variierende Panelgrößen lockern die Handlung angenehm auf. Besonders faszinierend fand ich die großformatigen Darstellungen des Leuchtturms inmitten einer unbeugsamen faszinierenden Natur, egal ob mehr als haushohe Wellen Ar-Men umtosen oder ob Möwen in einer hellen Nacht über eine ruhige, friedliche See gleiten, die die Sterne der Milchstraße wunderschön widerspiegelt. Die dezente und doch kontrastierende Farbgebung variiert von bunt bis monochrom, passt sich der jeweiligen Stimmung wunderbar an, trennt unaufdringlich diverse Erzählstränge und Zeitsprünge. Oftmals arbeitet Emmanuel Lepage mit brillanten Farbspielen, beispielsweise tiefgrünen, riesigen Wellen unterschiedlicher Farbnuancen, die von der gleißenden Helle des Leuchtturm-Lichtes regelrecht in Schach gehalten werden oder tiefrote, glühende Flammen über den Urgewalten einer schwarzen See. Das beständige Zusammenspiel von Wasser und sich darin brechenden Lichtstrahlen, das faszinierende Chaos aus Formen, Winden, Geistern und Wellen sucht der Künstler in manchmal fast abstrakt anmutenden Gemälden abzubilden. Fast wie eine körperliche Erleichterung wirkt nach Nachtstunden voller Angst und Schmerz der brillante Sonnenaufgang über einem endlich beruhigten Ozean. Zuhause zwischen Himmel und Meer!

Ar-Men ist eine Geschichte über leidgeprüfte Menschen auf ihrer Suche nach Vergessen, Vergebung, vielleicht Erlösung. Und eine faszinierende Welt mit fast surreal anmutenden, fremdartigen, menschenfeindlichen und dennoch auf ihre Art atemberaubend schönen Meereslandschaften, aber auch eine Reise in das eigene Ich, zu einem Ort voller Geister! Und eine Geschichtsstunde über den Leuchtturm, dessen Historie untrennbar mit der Insel Sein verknüpft ist. Lepage streut allerlei interessantes Hintergrundwissen zur Geschichte von Ar-Men und dieser faszinierenden Region vor der Westküste Frankreichs ein. Beginnend von den ersten Sagen über das geheimnisvolle Reich Ys und seinen König Gradlon bis hin zur Automatisierung aller Leuchttürme. Es ist kaum zu glauben, dass der Leuchtturm so viele Jahre allen Angriffen der See standhielt, können große Wellen doch 60 Tonnen/ m2 Druck erzeugen! Geschickt verknüpft Lepage all diese Facetten, Aspekte, verschiedene Zeitebenen und Erzählstränge zu einer nahezu perfekten, überzeugend-synergistischen Einheit!

Fazit

Erneut ist Lepage eine beeindruckende, hochspannende aber auch sehr nachdenkliche, fast schon traurige, zu Reflektionen anregende Dokumentation über besondere Menschen sowie eine außergewöhnliche Region unserer Erde gelungen. Absolut lesens- und sehenswert!