Comics
Register
Den Nachfolgern im Nachtleben

Den Nachfolgern im Nachtleben

Comic - Horror | Isabel Kreitz, Sarah Khan
Bewertung: ★★★★

Ein Zombie mitten im Berliner Nachtleben! Und zwar keineswegs blutrünstig oder sonst irgendwie auffällig, sondern tatsächlich äußerst auskunftsfreudig und genüßlich sein Getränk aus dem Aschenbecher schlürfend. Was wie eine Soap Opera aus dem Berliner Alltagsleben beginnt, endet in einer tiefschwarzen, fast schon surreal anmutenden Horror-Groteske, die einen mit gemischten Gefühlen zurücklässt: Nachdenklich schaudernd, zähneklappernd erheitert bis verstört. Ein wirkliches Horror-Kleinod aus der Carlsen Reihe „Die Unheimlichen“, das vom reinen Horror-Plot her tatsächlich an eine klassische US (pre-code) Horror-Geschichte erinnert. Pflicht für alle Fans intelligenter, phantastischer Comic-Literatur.

Handlung

Spontan macht sich das nicht mehr ganz taufrische und ziemlich lockere Trio – Ehefrau, Ehemann und dessen älterer Bruder Udo – auf ins Berliner Nachtleben, die beiden Kinder werden einfach in der Wohnung zurückgelassen. Vorher jedoch ist ein Abstecher zur aktuellen Ausstellung über Voodoo und Schwarze Magie geplant. Dort trifft die Ehefrau einen „Verehrer“, Herrn Lomoso, der ihr stolz das Kernstück der makabren Show zeigt: Die „Fluido“, Artefakte einer untergegangenen Kultur, drei uralte, geheimnisvolle Flüssigkeiten, denen unheimliche Kräfte innewohnen. Dabei ist der Liebestrunk tatsächlich kaum spektakulär, denn ein Gebräu, die „Fluido Atras Cemiterio“ vermag die Toten, zumindest kurzzeitig, wieder zum Leben zu erwecken! Und dabei ist es egal, wie lange das Ableben bereits zurückliegt. Im Laufe des Abends beginnt das angeheiterte Trio sowie ein hinzu gekommener, alter Bekannter von Udo eine hitzige Debatte über den beständigen Wandel der Zeit, bezüglich Abtreibung, Drogen und dem Nachtleben im allgemeinen. Und dazu würden sie nun dringend die geschätzte Meinung vom „schönen Klaus“, einem stadtbekannten Party-Löwen benötigen. Doch leider ist der vor ein paar Tagen verstorben. Ein kurzes, stummes Nicken der beiden Brüder, die kurzerhand die Fluido Atras Cemiterio „besorgen“ und sich dann ohne zu zögern in Richtung Friedhof aufmachen!

Bewertung

Die vorliegende Comic-Adaption basiert auf einer Kurzgeschichte der in Berlin lebenden Schriftstellerin Sarah Khan, illustriert wurde das schaurig-schöne Stück von der mehrfach ausgezeichneten Comic-Zeichnerin Isabel Kreitz. Sie präsentiert die Geschehnisse mit einem gekonnt-realistischen und äußerst detailreichen Strich, die Personen werden leicht überspitzt dargestellt. Die intensive Arbeit ist durchgehend monochrom gehalten, in etwas merkwürdig anmutenden Gelbtönen, die aber dann die makabren Friedhofsszenen in vielerlei düsteren Schattierungen wunderbar zur Geltung bringen. Etwas davon abweichend gestaltet sind die großformatigen „Zombie-Suchseiten“, diese sind wirklich in feinstem Strich dargelegt, brillant, gestochen scharf, fast wie Fotos aus Berlin. Ein weiteres graphisches Detail hat mich ziemlich fasziniert, wobei dies vermutlich unabsichtlich dem Druckprozess geschuldet ist. In einem Panel – unter dem richtigen Winkel betrachtet – scheinen die leeren Augenhöhlen des Zombies richtiggehend „zu glühen“. In dieser Graphic Novel zeigt sich das Grauen völlig unerwartet, im Alltagsleben von ganz normalen – na ja fast normalen – Leuten, was einen speziellen Kontrast und eine intensive Wirkung auf den Leser erzeugt. Was die ganze Situation noch merkwürdiger erscheinen lässt, ist die Selbstverständlichkeit, mit der die Beteiligten die Tatsache akzeptieren, dass sie mit einem bereits merklich verwesten Toten sprechen und diskutieren können. Den absoluten Höhepunkt des Absurden aber liefert der „schöne“ Zombie selbst: Er weiß genau, wer bei seiner Beerdigung anwesend war und was dort vor sich ging! Gelegentlich eingestreute Situationskomik und schwarzer Humor entlocken dem Betrachter trotz der grotesken Begebenheiten so manches Schmunzeln, beispielsweise als der „schöne Klaus“ plötzlich wieder zurück in sein Grab will und fragt: „Wer bringt mich“? Abgerundet wird das modrige Lesevergnügen durch das beliebte Bilder-Suchspiel „Finde den Zombie“ sowie ein spritziges, abwechslungsreiches Nachwort zur vorliegenden, erheiternden Graphic Novel sowie der Carlsen-Serie „Die Unheimlichen“. Mehrere Bände dieser ebenfalls von Isabel Kreitz herausgegebenen Reihe liegen bereits vor, weitere sind in Planung. Dabei umfasst die Auswahl ein breites Spektrum von Alpträumen, sowohl die Arbeiten klassischer Horror-Größen wie Edgar Allen Poe als auch zeitgenössischer Autoren wie Elfriede Jelinek werden in modernen Graphic Novels aufgegriffen und neu interpretiert. Zuletzt seien mir an dieser Stelle zwei kleinere Kritikpunkte am vorliegenden Werk gestattet: Das relativ kleine Pocket-Format ist zwar recht handlich, aber die optische Wirkung der Arbeit hätte von einer großformatigen Darstellung höchstwahrscheinlich erheblich profitiert. Und eine etwas feinere Ausarbeitung der Charaktere sowie der diskutierten sozialkritischen Fragen hätte dem Werk eventuell auch gut getan.

Fazit

Für mich persönlich bisher die absolute „Horror-Überraschung“ 2018! Spannend, gruselig, überraschend, unheimlich, makaber, sarkastisch, sozialkritisch-reflektierend, überzeugend. Tatsächlich hätte sich der Untertitel „Interview mit einem Zombie“ recht gut gemacht. Mein Geheimtip für alle Zombie-Freunde und solche, die es werden wollen. Prima!