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Die Welt der Söhne

Die Welt der Söhne

Comic - Drama | Gipi
Bewertung: ★★★★★

Erst denkst du dir: Krass, fast 300 Seiten! Dann denkst du: Oh, nur 300 Seiten. Dank des netten Interviews mit dem avant-verlag bei der Frankfurter Buchmesse im letzten Jahr, habe ich nun endlich auch den italienischen Comickünstler Gipi auf dem Schirm und schon das erste Werk das ich vom ihm lese, begeistert mich auf ganzer Linie.

Handlung

In „Die Welt der Söhne“ ist die Menschheit am Ende angekommen. Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung scheint die Seuche überstanden zu haben. Hier überlebt der Stärkere, Misstrauen gegenüber Fremden ist an der Tagesordnung und man jagt sogar Hunde um nicht verhungern zu müssen. Inmitten dieser Welt versucht ein Vater seine beiden Söhne für das Gröbste zu wappnen und bringt ihnen nur das Nötigste zum Überleben bei – Lesen, Emotionen wie Liebe und der Umgang mit Frauen gehören nicht dazu. Als Kenner der alten Zeiten schreibt er Tagebuch, welches sich den Jungs als großes Geheimnis verschließt.

Eines Tages brechen Lino und sein Bruder auf, um das Tagebuch dechiffrieren, als es sich vorlesen zu lassen und müssen dabei mit zwei mutierten Bauernbrüdern, einer Hexe und dem Kult des geilen Gottes zurecht kommen. Bedrückend und verstörend wirkt die allgegenwärtige Unmenschlichkeit, die, ähnlich wie es auch schon in „Crossed“ war, kalt und brutal daherkommt.

Bewertung

Natürlich war meine Vorliebe für dystopische Settings ein super Nährboden für dieses Meisterwerk. Überall wird von Gipis reduziertem Stil geschrieben, aber ich finde den gar nicht so reduziert. Viel eher setzt er den Strich sehr bewusst und verleiht ihm so eine sehr gezielte Wirkung. So sind (trotz Einfarbigkeit) Nächte und Tage klar voneinander zu unterscheiden. Nebel gelingt ihm genau so gut wie Regen. Zu keinem Zeitpunkt besteht beim Leser wirklicher Zweifel am Gemütszustand der Figuren, da selbst die minimalistischste Mimik funktioniert. Zusätzlich sind die Sprechblasen dezent gesetzt bzw. überhaupt vorhanden, so dass der Leser mit der Lektüre entweder sehr schnell fertig ist oder sich eher ausgiebig mit den eigentlichen Panels auseinandersetzt.

An dieser Stelle möchte ich wirklich nur das Nötigste an Details verraten, aber Gipis Umgang mit dem Thema „Sprache“ sticht einfach heraus. Der raue Umgangston zwischen dem Vater und seinen Söhnen, der hin und wieder trotzdem etwas Liebe heraus blitzen lässt, das innige Verhältnis der Jungs, deren Versuch das Tagebuch selbst zu lesen, die verkümmerte Grammatik oder der pervertierte Sprech des Kults – all das sind beeindruckende Beispiele für den Einsatz von Sprache als Werkzeug. Wie will man langfristig Wissen konservieren und verbreiten ohne komplexe Kommunikation?

Nach der letzten Seite von „Die Welt der Söhne“ gelesen hat, erwartet eigentlich noch ein paar Antworten. Wo ist eigentlich die Mutter der Jungs? Haben wir sie im Buch kennengelernt? Wie und warum kam es zu Seuche? Gibt es irgendwo ein neues Utopia? Wie viel Menschlichkeit gibt es auf dieser Erde noch? Gleich auf der ersten Seite schreibt Gipi, dass er mit der Beleuchtung der Hintergründe ganze Kapitel hätte füllen können, aber der Fokus auf das Ende der Bücher (vermutlich ist die Sprache generell gemeint) eher sein Anliegen war.

Fazit

Auch wenn es in diesem Jahr mir dem Max und Moritz-Preis nicht geklappt hat, kann man „Die Welt der Söhne“ ruhigen Gewissens als beeindruckendes, hartes und unwirkliches Meisterwerk bezeichnen. Von mir gibt es eine klare Kaufempfehlung.

Vielen Dank an den avant-verlag für die Zurverfügungstellung des Rezensionsexemplars.