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Spirou und Fantasio Gesamtausgabe 8

Spirou und Fantasio Gesamtausgabe 8

Comic - Komödie |André Franquin
Bewertung: ★★★★★

Das Ende einer Ära! Dieser achte Band der Gesamtausgabe beinhaltet die letzten Spirou und Fantasio-Episoden aus der Feder Franquins! Am vergleichsweise langen Zeitraum, den dieser Band umfasst (1961-1967) lässt sich schon erahnen, dass der Abschied des Künstlers von den beiden, bei den damaligen Lesern überaus beliebten, lustigen Gesellen nicht einfach war. Tatsächlich, wie sich den umfangreichen Einführungstexten entnehmen lässt, verlief die Trennung hinter den Kulissen streckenweise sogar unfreundlich und regelrecht verbittert.

Und dennoch beendet der Künstler seine Arbeit an Spirou und Fantasio mit drei denkwürdigen Abenteuern, lässt nochmals sein ganzes künstlerisches und humoristisches Können, seine langjährige Erfahrung sowie das Spiegelbild seiner inneren Überzeugungen einfließen ...unterstützt von Gaston! Die überspitzt und cartoonartig dargestellten Charaktere sowie die witzige Situationskomik sind nahezu zeitlos. Spaßig, rasant, spannend, aber offenkundig auch sozialkritisch und zuweilen sogar etwas makaber. Ein Meilenstein!

Handlung

Zu Beginn der Episode QRN ruft Bretzelburg verschluckt das Marsupilami ein Transistor-Radio und verursacht damit ungewollt die Entführung Fantasios durch die Schergen eines brutalen Generals ins Königreich Bretzelburg. Dort wird er unter Folter zu Funknachrichten an den entmachteten und unter Drogen gesetzten König von Bretzelburg befragt. Spirou erfasst rasch die Zusammenhänge und macht sich natürlich umgehend auf den Weg in das schwer bewachte Königreich, dessen Volk unter dem korrupten und absolut skrupellosen General Schmetterling und seiner Bretzpolizei schwer zu leiden hat. Auch das Marsupilami hält es nicht länger in den Gehegen einer Tierpraxis, das treue Tier macht sich alleine und zu Fuß auf nach Bretzelburg. Glücklicherweise, denn ohne sein beherztes Eingreifen wäre die Geschichte sicher ganz anders ausgegangen!
Die danach entstandene, deutlich kürzere Episode Die Bravo Brothers spielt überwiegend in den Räumen eines fiktiven Carlsen-Verlages unter der Leitung von Fantasio. Allerdings weilt in den Verlagsräumen auch ein Allen sicher bestens bekannter, liebenswerter Chaot namens Gaston Lagaffe. Dieser schenkt Fantasio drei dressierte Affen samt Zubehör zum Geburtstag!
Auch wenn Gastons Absichten nur die besten waren - die Auswirkungen für die Verlagsräume und die darin arbeitenden Angestellten sind allerdings dramatisch. Ein Spaß-Spektakel der besonderen Art!

Gänzlich ungewohnt ist dann die folgende, illustrierte Text-Erzählung Robinson auf Schienen, die der Verlag Dupuis gemeinsam mit mehreren europäischen Bahngesellschaften initiierte. Der zu diesem Zeitpunkt erkrankte Franquin allerdings hatte daran keinen Beitrag. Durch die Schussligkeit Gastons setzt sich eine revolutionäre, von Atomkraft getriebene Lokomotive namens „Pluto X-6226-A“ in Bewegung, schließt Fantasio, Gaston und drei weitere Personen ein und beginnt eine dramatisch Irrfahrt mit 85 km/ h durch ganz Europa. Wie zu erwarten geht dabei allerhand zu Bruch, ausgerechnet Gaston aber kann Schlimmeres verhindern.

Für die finale Episode Schnuller und Zyklostrahlen kann Franquin nochmals auf Zyklotrop, den Lieblingsfeind von Spirou und Fantasio zurückgreifen. Allerdings, der Zyklotrop wurde ja in einer früheren Episode von seinen eigenen Z-Strahlen getroffen und geistig auf die Stufe eines Säuglings reduziert. Ein Säugling, der nun rührend vom Grafen von Rummelsdorf, Spirou und Fantasio gepflegt und umsorgt wird. Eine doch etwas makabre Situation! Dann aber tritt ein fanatischer, wenn auch etwas dussliger Zyklomann auf den Plan, der versucht, den „Meister zu befreien“. Und zum Leidwesen der Bewohner von Rummelsdorf hat der Z-Mann noch eine funktionsfähige Z-Strahlenwaffe, die der unzurechnungsfähige Zyklotrop auch gerne und häufig einsetzt!

Bewertung

Über die charakteristischen, unverwechselbaren und zeitlosen Zeichnungen von Franquin und die vielen, wirklich genialen Späße - wie beispielsweise den „schneller-mit-dem-Auto-um-die-Kurve“ Trick von Spirou und dem Marsupilami - muss man nicht mehr allzu viele Worte verlieren. Franquin entwickelte die ihm 1946 von Joseph Gillain (Jijè) anvertraute Serie zu einem absoluten Comic-Klassiker, der die Leser über Jahrzehnte zu begeistern vermochte. Umso faszinierender und teilweise überraschender ist die diesem Band voraus gestellte, akribisch zusammengestellte, zeitgeschichtliche Dokumentation zur Comicserie in den Jahren 1961 bis 1967. Tatsächlich bedurfte es mehrerer Anläufe, die überlange Episode QRN ruft Bretzelburg fertig zu stellen, ja selbst der Titel wurde während der Bearbeitung noch verändert. Der Ärger begann wohl schon im Vorfeld der eigentlichen Arbeiten: Charles Dupuis wollte – im Gegensatz zu Franquin - keine weitere Episode mit dem Zyklotrop! Franquin war daher gezwungen, in kürzester Zeit ein neues Szenario aus dem Hut zu zaubern. Durch den wöchentlichen Erscheinungsrhythmus standen die Mitarbeiter des Verlages unter ständigem Zeitdruck, die pünktliche Fertigstellung der nächsten Fortsetzung war ein „ehernes Gesetz“. Ein Umstand, der – neben mehreren anderen – allmählich zu einer ernsthaften, depressiven Erkrankung des Künstlers führte. Hilfesuchend wandte er sich daher an Greg. Dieser begann ein stimmiges Szenario zu entwerfen, als die ersten Episoden von QRN bereits in den Druck mussten! Franquin musste also improvisieren, die Story kam nicht so recht in Schwung. Und etwa zur Hälfte der Geschichte geschah dann das Unvorstellbare: Der Verleger wandte sich mit einem Entschuldigungsschreiben an die Leser: Franquin war so krank, dass es in den kommenden Wochen keine neuen Spirou und Fantasio-Episoden geben konnte! Dies alles führte dazu, dass es von QRN ruft Bretzelburg viele verschiedene Fassungen gab und gibt, später hat Franquin alles nochmals ummontiert und entsprechend gekürzt. Die vorliegende Gesamtausgabe enthält sowohl die spätere offizielle Fassung als auch die ungekürzte, damals in Spirou erschienene Ausgabe – im französischen Original und auf deutsch. In dieser Zeit machte es Franquin wohl auch mehr und mehr zu schaffen, dass Spirou und Fantasio nicht seinen eigenen „Kinder“ waren. Das könnte erklären, warum in den letzten Episoden der von ihm erdachte Gaston immer häufiger in Erscheinung trat. Und auch die Arbeiten an Schnuller und Zyklostrahlen verliefen unruhig, das Szenario mit dem Riesen-Baby war ungewöhnlich, laut späteren Aussagen hatte Franquin sich dazu entschlossen „den von ihm erschaffenen Mythos zu torpedieren“. Auch hier lieferte Franquin ein völlig überraschendes „Ende“, das er kurz darauf aber wieder relativierte. Etwas Kraft schöpfte er wohl wieder während der Arbeiten an Die Bravo Brothers, da die Zirkuswelt wie Medizin gegen seine Depressionen wirkte. Ständig unter Druck vom Verlag, der Öffentlichkeit und hin und wieder sogar der französischen Zensur zog ein ermüdeter Franquin dann letztlich aber doch einen Schlussstrich, der Rest ist Geschichte. Alle Arbeiten des vorliegenden Bandes werden in streng chronologischer Aufarbeitung präsentiert und mit allerlei Hintergrundmaterial näher beleuchtet. Aufgelockert wird das Buch durch zahlreiche großformatige Original-Cover-Abbildungen des Magazins Spirou.

Fazit

Abschließend kann ich persönlich mich nicht recht entscheiden, was mir mehr gefallen hat: Die spritzigen, zeitlosen, von genialen Späßen und ironischen Anspielungen durchsetzten, finalen Spirou und Fantasio Werke von Franquin oder die nicht minder faszinierenden, zeitgeschichtlichen Hintergründe zur Entstehung der jeweiligen Episoden. Es ist schwer zu glauben, dass selbst ein ermüdeter Franquin der viele Jahre von ihm betreuten Serie derartig überdrüssig werden konnte. Tatsächlich soll er Spirou als eine „Figur ohne Eigenschaften“ bezeichnet haben. Eine Figur, die er, im Gegensatz zu Gaston, nicht selbst erschaffen hatte. Summa summarum ist dieser achte Band der Gesamtausgabe von Spirou und Fantasio ein wirklicher Meilenstein der frankobelgischen Comic-Geschichte, der neben Unterhaltung und Spaß allerdings auch eine Note von Abschied und Wehmut vermittelt. Doch wie immer bedeutet ein Ende auch einen Anfang und offenbar hat sich Carlsen dazu entschlossen, die Gesamtausgabe mit den Arbeiten von Jean-Claude Fournier fortzusetzen!

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