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Spirou und Fantasio Gesamtausgabe 9 – 1969-1972

Spirou und Fantasio Gesamtausgabe 9 – 1969-1972

Comic - Abenteuer |
Bewertung: ★★★★★

Die Ära Franquin ist vorüber! Doch diese Tatsache stört die lustigen Gesellen um Spirou & Fantasio, Pips und das Marsupilami in keinster Weise, also kein Grund Trübsal zu blasen! Wie wenn nichts gewesen wäre unterhalten sie die Leser mit neuen, spritzigen, witzigen und spannenden Abenteuergeschichten, angehaucht von Wissenschaft und Poesie! Dafür sorgt schon der nun mit der Serie betraute Jean-Claude Fournier, der über viele Jahre eng mit Franquin zusammenarbeitete und das Handwerk von der Pike auf lernte. Wenn man es nicht wüsste und nicht so ganz genau hinschaut, würde man den Künstlerwechsel zunächst fast nicht bemerken. Die schon lange vertrauten Weggefährten und Lieblingsgegner von Spirou und Fantasio sind natürlich vertreten, Fournier bereichert die Serie aber auch nach und nach um neue Charaktere und Gruppierungen, das einzigartige Spirou und Fantasio-Universum wächst und gedeiht. Ein grandioser Spaß!

Handlung

Im ersten Fournier Abenteuer von Spirou und Fantasio-Die Goldmacher begeben sich die Freunde mal wieder auf eine spannende und kurzweilige Schatzjagd. Eine Fernsehsendung über das lange verschollene „Zauberbuch des Johann Güldenburg“, in dem beschrieben sein soll, wie man Gold herstellen kann, löst eine Kettenreaktion aus. Denn der ebenfalls interviewte Graf von Rummelsdorf bezeugt doch vor laufender Kamera, dass dieses Buch tatsächlich existiert und sich in seinem Besitz befindet. Natürlich macht sich sofort allerlei lichtscheues Gesindel - allen voran Fantasios niederträchtiger Cousin Zantafio - auf nach Rummelsdorf, um das Buch und damit unermesslichen Reichtum an sich zu bringen. Ein vergnügliches Katz-und-Maus-Spiel, das von einem wahren Feuerwerk an Gags, Späßen, skurrilen und zugleich urkomischen Begebenheiten untermalt wird, auch der Zyklotrop mit seinen verheerenden Z-Strahlen mischt mit! Und hat die Anleitung zum Goldmachen dann tatsächlich auch funktioniert? Das darf und muss der Leser selbst herausfinden! Die lange Wartezeit bis zum nächsten Album hat Fournier dann mit zwei amüsanten Kurzgeschichten überbrückt: Eine nette Weihnachtsgeschichte sowie einen Abstecher nach Japan, in dem sowohl Itoh Kata als auch die Verbrecherorganisation „Die Triangel“ ihr Debüt feiern. Beide Stories und leider auch die nachfolgenden Alben müssen allerdings ohne das Marsupilami auskommen, die Folgen eines beginnenden Rechtsstreits.
Auch in der zweiten Episode Zucker im Tank jagen alle Beteiligten einem kleinen Gegenstand hinterher, diesmal aber einem unbekannten Pilz, ganz neu entdeckt von Itoh Kata, dem „größten Pilzforscher der östlichen Hemisphäre“. Dieser will seine Entdeckung natürlich sofort mit seinem Freund und Kollegen, dem Grafen von Rummelsdorf teilen und besprechen. Doch der Weg von Japan nach Rummelsdorf ist weit und die unzähligen Agenten der gemeinen Verbrecherorganisation „Triangel“ setzen alles daran, den Pilz in ihren Besitz zu bekommen. Ein bayrischer Bombenleger, ein riesiger, führerloser Zug ohne Bremsen auf dem Weg in die Innenstadt und viele lustige Verfolgungsjagden – ein rasanter Spaß für alt und jung, denn eines ist klar: Wirklich verletzt wird niemand! Und auch mit der japanischen Kultur machen unsere Freunde so ihre Erfahrungen, langweilig wird es nie!
Der dritte Band Zauberei in der Abtei führt unsere Freunde schließlich in das unterirdische Labyrinth unter einem alten Kloster, das der „Triangel“ als Schlupfwinkel dient. Die Gauner wollen Spirou und Fantasio zunächst überreden, ihrer Organisation beizutreten. Als die Freunde das wie zu erwarten kategorisch ablehnen, entführen die „Triangel“-Agenten Itoh Kata und Pips in die alte Abtei, um Spirou und Fantasio zum Einlenken zu zwingen. Doch die Verbrecher haben die Rechnung ohne den gewieften Japaner gemacht: Er hat seine Vorliebe für Zauberkunststücke entdeckt und treibt die „Triangel“-Agenten mit Kaninchen, Tauben und seinen Entfesselungskünsten fast in den Wahnsinn. In dem alten Gemäuer lauern Unmengen an Fallen und technischen Raffinessen, die unseren Freunden allerhand Kopfzerbrechen bereiten, doch Gott sei Dank sind die „Triangel“-Gauner ebenso dusslig wie fies. Und da alle Mechanismen in der stromlosen Abtei rein mechanisch funktionieren, warten gemäß actio-reactio einige schmerzhafte Überraschungen auf die Ganoven.

Als Abschluss der Gesamtausgabe dient dann eine Kurzgeschichten, in der praktisch alle Protagonisten der ersten 17 Spirou und Fantasio-Alben ihren „Vater“ treffen. Irgendwie ergreifend! Schön anzusehen in diesem neunten Band der Gesamtausgabe sind auch die großformatigen farbigen Coverabbildungen zu den einzelnen Episoden.

Bewertung

Wie schon eingangs erwähnt ist der Übergang von André Franquin zu Jean-Claude Fournier rein von der zeichnerischen Gestaltung her sanft und harmonisch erfolgt, was von vielen Lesern sicher als angenehm empfunden wurde. Selbst bei genauerem Hinsehen fallen zunächst nur wenige, leichte Veränderungen auf, beispielsweise wurde Spirou´s Frisur ein wenig abgewandelt, seine Pagenhosen wirken etwas enger. Auch inhaltlich scheint alles beim Alten zu sein, bereits im ersten Fournier Abenteuer sind alle Freunde und Gefährten, aber auch Erzgegner und Widersacher präsent. Selbst der geläuterte Zyklotrop steht Spirou und Fantasio zur Seite. Und als Besonderheit wurde das Marsupilami, eine Schöpfung von Franquin, in der ersten Fournier Geschichte sogar noch vom Meister selbst gezeichnet – und aus Zeitgründen „heimlich“ noch ein paar andere Panels. Lediglich in der Erzählweise und textlichen Ausgestaltung lassen sich gewisse Vorlieben Fourniers erkennen, die von seiner früheren Tätigkeit als Erzähler und seiner Begeisterung für Arbeiten rund um das Theater zeugen. Auch die persönliche „Staffelübergabe“ von Franquin auf Fournier ging äußerst freundschaftlich und einvernehmlich vonstatten, die beiden Künstler verband eine langjährige und intensive Freundschaft. In einem ausführlichen Dokumentarteil wird der Werdegang von Fournier näher beleuchtet: Seine frühe Jugend, seine künstlerische Ausrichtung, zunächst am Theater und schließlich seine ersten Treffen mit Franquin und Delporte. Dann folgten seine ersten Gehversuche als Comiczeichner mit seiner Schöpfung Bizu und endlich der historische Termin mit Charles Dupuis, der ihn fragte, ob er zukünftig die Gestaltung von Spirou und Fantasio übernehmen wolle. Denn Dupuis wünschte sich wieder eine „weniger technische, poetischere und charmantere Ausrichtung der Serie“. Ein umfangreicher, liebevoll zusammengefügter, reicher Fundus an zeitgeschichtlichem Hintergrundmaterial zur Serie und ihren alten und neuen Gestaltern erwarten den Leser. Neben unveröffentlichten Zeichnungen, Fotos und Illustrationen sind viele Hintergrundartikel und auch mehrere erheiternde Anekdoten und private Details aus dem Leben von Franquin und Fournier zu entdecken. Aufgelockert wird die Dokumentation durch wunderbare, großformatige Titelbilder der Zeitschrift Spirou, darunter auch das erste von Fournier gestaltete Bizu-Cover aus dem Jahre 1967. Besonders faszinierend im Dokumentationsteil fand ich persönlich Franquins Reaktion auf das Angebot von Dupuis an Fournier. Tatsächlich riet er seinem Zögling, das Angebot auszuschlagen, weil „er sonst riskierte, seine poetische Seele und Eigenständigkeit zu verlieren“. Damals hatte Franquin bereits einen gewissen Überdruss bezüglich Spirou und Fantasio entwickelt, weil er die Figuren nicht selbst erschaffen, sondern von Jijé übernommen hatte. Natürlich gab ausschließlich Franquin der Serie ihren unverwechselbaren Charme und bis heute ist sein Name untrennbar mit Spirou und Fantasio verbunden. Doch das sah er damals ganz anders. Allerdings setzte sich Fournier – zum Glück – über den Rat seines Mentors hinweg und widmete sich mit aller Kraft seiner neuen Aufgabe. Denn was Franquin nicht sehen wollte: Die beiden Künstler hatten damals völlig verschiedene Verhältnisse zur Serie Spirou und Fantasio: Der eine hatte „den Mythos erschaffen“, während der andere von klein auf damit aufgewachsen und voller Bewunderung war: Während der Schulzeit war das Erscheinen des neuen Spirou-Heftes ein fester Meilenstein im Wochenplan des jungen Jean-Claude. Und ich denke, er ist ein würdiger Nachfolger für Franquins Arbeit, auch wenn er selbst immer wieder betonte, dass er nicht so gut zeichnen könne wie Franquin. Da Fournier die Arbeiten an seinem ersten Spirou und Fantasio Album durch Veränderungen in seinem Privatleben zusätzlich erschwert wurden, benötigte er dafür über ein Jahr. Das Ergebnis aber kann sich sehe lassen! In den folgenden Episoden hat sich Fournier dann nach und nach von Franquin gelöst, eigene Charaktere eingeführt und allmählich seinen eigenen Stil entwickelt und umgesetzt. Als Bösewicht diente Fournier oft die Verbrecherorganisation „Die Triangel“, die Spirou und Fantasio mit einer Vielzahl praktisch gesichtsloser Gauner konfrontierte. So richtig böse aber sind auch Fourniers Bösewichte nie wirklich – eine persönliche Hommage an die so sehr geliebten Spirou und Fantasio-Geschichten seiner Kindheit!
Durch die Einführung fixer Bezugspunkte wie beispielsweise den Grafen von Rummelsdorf legte bereits Franquin den Grundstein für das dann von Fournier fortgeführte und durch Figuren wie Itoh Kata bereicherte und bis heute bestehende, inhaltlich und chronologisch stimmige Spirou und Fantasio Universum. Dieses umfasst neben der ursprünglichen, bis heute fortgesetzten Serie zusätzlich parallel laufende Sonder-Reihen von Einzelabenteuern verschiedener Gastkünstler. Nach wie vor entzünden die spannend erzählten Geschichten ein wahres Feuerwerk an Gags, Witzen sowie humorvollen und manchmal geradezu genial-kreativen Ideen wie z.B. dem Namen des Chemikers „E. Thylenglykol“. Besonders angetan bin ich auch von kleinen Nebenhandlungen mit dem Marsupilami und Pips, wirklich erwähnenswert an dieser Stelle die „Marmeladen-Toast Technik“ des witzigen Tierchens mit dem langen Schwanz. Und wie immer lassen sich aus den erheiternden und humorvollen Geschichten auch einige durchaus ernsthafte Lehren ziehen, die zum Nachdenken anregen.

Fazit

Drei weitere kurzweilige Episoden eines ganz großen Klassikers der frankobelgischen Comics! Für mich persönlich ist es immer wieder erstaunlich, wie diese fast 50 Jahre alten Comicgeschichten derart frisch und teilweise sogar aktuell und modern auf den Leser wirken. Schnittige japanische Züge und Importautos, aber auch die gastfreundliche Kultur Japans begeistern unsere Freunde. Einziger Wermutstropfen: Das Marsupilami ist nur in der ersten Episode mit von der Partie. Dennoch: Auch dieser edle Hardcover-Band der Gesamtausgabe von Spirou und Fantasio ist für Jung und Alt, egal ob neue oder langjährige Leser, nur zu empfehlen und sollte in keinem Comic-Regal fehlen!