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Entlang den Gräben: Eine Reise durch das östliche Europa bis nach Isfahan

Entlang den Gräben: Eine Reise durch das östliche Europa bis nach Isfahan

Buch  | Navid Kermani (Autor)
Bewertung: ★★★★★

Der deutsche Autor mit persischen Wurzeln, Navid Kermani, geboren 1967 in Siegen, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Er ist habilitierter Orientalist und Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Für seine Romane, Essays, Reportagen und Monographien erhielt Navid Kermani unter anderem den Kleist-Preis, den Joseph Breitbach-Preis, den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und den Princess Margriet Award for Culture. Beim C.H.Beck Verlag ist nun sein neues Werk „Entlang den Gräben - Eine Reise durch das östliche Europa bis nach Isfahan“ erschienen.

Handlung

Im Auftrag des SPIEGEL ist Navid Kermani von seiner Heimatstadt Köln aus durch das östliche Europa bis in die Heimatstadt seiner Eltern, Isfahan im Iran gereist. Seine Reise dauerte 54 Tage und führte ihn von Deutschland (Schwerin, Berlin) über Polen (Ausschwitz, Krakau, Warschau), Litauen (Kaunas, Vilnius), Weißrussland (Minsk, Chatyn, Tschernobyl), Ukraine (Kiev, Donbass, Mariupol, Odessa), Krim, Russland (Krasnodar, Grosny), Georgien, Aserbaidschan, Armenien, Region Berg Karabach in den Iran. Die Geschichte des Holocaust, des Zweiten Weltkriegs, Vertreibungen ganzer Völker durch Stalin, der Riss zwischen Ost und West, wo der Kalte Krieg noch nicht zu Ende ist, die Tschernobyl Katastrophe, russische Tschetschenienkriege, georgisch-ossetische und armenisch-aserische Konflikte, der Krieg in der Ukraine, Spuren von alten und neuen Verwüstungen, Massaker und Vertreibungen tun sich vor den Augen der Leser auf. Die Geschichte ist in Europa mit allen ihren Kriegen und Konflikten allgegenwärtig. So sind in der Ukraine und Weißrussland entlang den Autobahnen an Stelle der zerstörten, nicht mehr existierenden Dörfer nur mitten im Feld stehende Kriegsdenkmäler oder Friedhöfe zu sehen. Im Kaukasus fährt man in nur zwei Stunden durch drei verschiedene Kriege.

Kermani begegnet zahlreichen Menschen auf seinem Reiseweg, er spricht mit einheimischen Schriftsteller, Historikern, Philosophen aber auch mit Dorfbewohnern. Immer wieder macht er die Erfahrung, dass ein friedliches Miteinander auch in einer Vielfalt der Sprachen und Kulturen gelingen kann. Wie zum Beispiel in der Schweriner Plattenbausiedlung, wo Kermani auf strebsame Flüchtlinge und freundliche Helfer trifft oder in einem Dorf in Aserbaidschan, wo eine alte Frau vom friedlichen Zusammenleben mit armenischen Nachbarn berichtet und den Krieg als eine über sie hereingebrochene Naturkatastrophe beschreibt. Aber solche Lichtblicke sind im Buch eher selten.

Bewertung

Der lange und blutige Schatten der Geschichte begleitet Kermanis Reise. Auf seiner Route sucht er sowohl ehemalige Vernichtungslager, bekannte wie Ausschwitz und weniger bekannte wie Trostenez sowie heutige Frontlinien der Zerstörung auf. Auch Tschernobyl, eine von Menschenhand gemachte Katastrophe reicht in die Gegenwart – jeder fünfte Weißrusse lebt auf kontaminiertem Boden.

Im Gespräch mit dem weißrussischen Philosophen Valentin Akudowitsch reflektiert Kermani über die Kriegshintergründe: „So viele Menschen wurden ermordet, überall, so viele Kulturen vernichtet, die ganze gewachsene Vielfalt, damit sich Nationen herausbilden konnten, und dann haben diese Nationen sich auch noch gegenseitig mit Kriegen überzogen, weil sie sich entweder überlegen oder bedroht fühlten – oder beides zugleich.“ Darauf entgegnet ihm Akudowitsch: „Der Nationalstaat ist die angemessenste Organisationsform der Gesellschaften.“ Auch Weißrussland brauche eine eigene Identität, um sich gegen Russland zu behaupten, denn „Russland frisst uns auf.“ Realistisch stellt Kermani in seinem Reisebericht fest : „Am Ende hat jedes Volk, sofern es nicht ausgelöscht worden ist, Ansprüche, Vorwürfe, Traditionen, Lieder oder schlicht ein Stück Boden von seinen Vorfahren geerbt, auf das andere ebenfalls ererbtes Anrecht haben, so dass die Saat für neue Konflikte angelegt ist.“

Dennoch findet man im Buch auch optimistische Stimmen wie die von Adam Michnik, Polens berühmtem Intellektuellen: „ Überhaupt dürfe man nicht nur die eine Seite sehen, nicht nur Trump, sondern auch Obama, nicht nur Polens katholische Kirche, sondern auch Papst Franziskus, nicht nur Brexit, sondern auch Londons muslimischen Bürgermeister Sadiq Khan. Die Signale weltweit seien keineswegs nur negativ… .“

Kermanis Blick fällt teilweise zu westdeutsch aus, er berücksichtigt zu wenig, dass die Völker der Sowjetunion eine lange Geschichte mit gemeinsamen Menschheitsidealen, aber auch Verbrechen miteinander teilen.

Kermanis Reise fällt traurig aus, es wurde getötet und es wird getötet. Ob das Europa aus seiner Geschichte eine Lehre ziehen wird und sich seiner Vielfalt und Verwobenheit bewusst wird, bleibt abzuwarten.

Fazit

Brillant im Essaystil geschrieben, mit einem fundierten, geschichtlichen Hintergrund.