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Ich hasse dieses Internet. Ein nützlicher Roman

Ich hasse dieses Internet. Ein nützlicher Roman

Buch - Komödie | Jarett Kobek
Bewertung: ★★★★★

Mit seinem ersten Roman „Ich hasse dieses Internet“ hat der türkischstämmige Amerikaner Jarett Kobek, der in New York studiert und in der kalifornischen Techie-Szene gearbeitet hat, einen Erfolg gelandet. Mit unglaublicher Energie und Biss nimmt er schonungslos unsere digitale Gegenwart unter die Lupe.

Handlung

Adeline, Tochter eines Kieferchirurgen und einer erfolglosen, zur Alkoholikerin gewordenen Schauspielerin, beginnt nach ihrem Collegeabschluss zusammen mit ihrem afroamerikanischen Freund Jeremy Winterbloss eine mehr oder weniger erfolgreiche Kariere als Comiczeichnerin. Der Comic namens Trill erzählt die Geschichte eines „anthropomorphen Katers Felix Trill“, der in einer mittelalterlichen Welt gegen andere „anthropomorphe Tiere“ kämpft. Die Ideen entnahm Jeremy seinen LSD-Trips. Adeline lebt in San Francisco, ist mit einigen Autoren befreundet und in sozialen Medien unter dem Nik M. Abrahamovic Petrovitch unterwegs. Die Cafés in der Stadt vibrieren von Millionen Tweets, das ganze Leben scheint sich hauptsächlich im Netz abzuspielen. Nach einer unbedachten Äußerung zu Rihanna und Beyoncé erntet Adeline einen Shitstorm und wird mit Hasskommentaren verfolgt, vor denen sie sich nicht mehr zu retten weiß.

Bewertung

Leser, die sich in der Comic- sowie Filmwelt zu Hause fühlen, werden beim Lesen sicher einen großen Vorteil haben, da sie sich in der Fülle von Helden schneller orientieren werden können. Die Passagen über Adeline bilden nur das Rahmenkonstrukt des Buches, obwohl Adeline in sich alle Grundzüge einer Figur der digitalen Welt vereint: Streben nach einer Dauerperformance, nach Medienpräsenz, nach Bewerten und bewertet werden. Wie durch einen Mausklick gerät der Leser in verschiedene Internetareas und begibt sich auf eine Reise durchs Netz, „ein wunderbarer Ort, um Sexismus zu verbreiten, psychisch Kranke zu beschimpfen und Tote zu verleumden“. Er rechnet mit der amerikanischen Comicindustrie ab, die ihre Mitarbeiter bezahlt aber um die Früchte ihrer Arbeit betrogen hat. Der Autor fragt sich, warum die Menschen so bereitwillig ihr geistiges Eigentum dem Internet geben. Die Medienplattformen wie Facebook, Twitter & Co. machen nur Marc Zuckerberg und seinesgleichen noch reicher. Personen, die sich auf Plattformen in Sachen Moral austauschen vergessen, dass sie auf von Sklaven in China zusammengebauten Geräten tippen. Kobek schildert die Welt, die nicht von Regierungen oder geltungssüchtigen Promis beherrscht wird, sondern von Banken - „Geld, eine Maßeinheit für Demütigung, war das Einzige, was zählte“ – und greift damit die zeitgenössische Vorliebe für Verschwörungstheorien auf. Der Roman ist ebenso eine Reise durch das Silicon Valley wie die Technologiewelt von Google. Am Beispiel von Ellen, die sich von ihrem Freund beim Sex filmen ließ und das Video dann im Internet wiederfand, prangert der Autor Twitter als "eine Plattform an, auf der Teenager andere Teenager in den Selbstmord trieben und dabei wie besessen waren von prominenten Eintagsfliegen". Wie richtig Kobek dabei liegt, zeit der Artikel „Für immer nackt“ von Maik Großekathöfer in der 7. Ausgabe 2018 von Spiegel, der sich mit „Sexting“ befasst.
Kobek geht auf die Verhältnisse zwischen Männer und Frauen, Weißen und Schwarzen, Reichen und Armen ein. Auch die Sprache des Romans ist eine satirische Darstellung der Wikipedia.
Besser hätte man die digitale Realität nicht auf den Punkt bringen können.

Fazit

Eine Satire ohne Gleichen. Kobek schildert das moderne digitale Zeitalter schonungslos und führt dem Leser die nach Klatsch süchtige und von Hass geleitete Realität vor Augen. Sein Roman ist nicht über das Internet, sondern entstammt direkt diesem.