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Warum es kein islamisches Mittelalter gab: Das Erbe der Antike und der Orient

Warum es kein islamisches Mittelalter gab: Das Erbe der Antike und der Orient

Buch  |Thomas Bauer (Autor)
Bewertung: ★★★★★

Prof. Dr. Thomas Bauer, 1961 geboren, hat Islamwissenschaft, Semitische Philologie und Germanistische Linguistik studiert. Seit 2000 ist er Professor für Islamwissenschaft und Arabistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität, Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste. Thomas Bauer wurde mit dem Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgesellschaft ausgezeichnet, zudem engagiert er sich im interreligiösen Dialog und für eine bessere Integration der Muslime in Deutschland. Unter seinen Veröffentlichungen ist an dieser Stelle noch das 2011 erschienene Buch „Die Kultur der Ambiguität-Eine andere Geschichte des Islams“ zu erwähnen, in dem er weit über sein Fach hinaus gewirkt hat. Ende August 2018 ist nun ein weiteres bedeutendes Werk Bauers beim C.H.Beck Verlag erschienen „Warum es kein islamisches Mittelalter gab-Das Erbe der Antike und der Orient“

Handlung

Das Buch besteht aus fünf Teilen, dabei stützt er sich auf eigene Forschungen und auf die Ansätze von Garth Fowden und weitere wissenschaftliche Quellen. Der erste Teil beschäftigt sich mit dem Begriff des Mittelalters, seinem kulturspezifischen Gebrauch und dem dadurch angerichteten Schaden, denn wissen wir wirklich, wovon wir sprechen, wenn wir Mittelalter sagen? Im zweiten Teil vergleicht der Autor in 26 Begriffen von A (Analphabetismus) bis Z (Ziffern und Zahlen) die unterschiedlichen Entwicklungen des west- und mitteleuropäischen Raums und des Westasiens in der Zeit, die im europäischen Raum traditionell als Frühmittelalter bezeichnet wird. Diesem Vergleich folgen die Überlegungen, wie eine sinnvolle Periodisierung der geschichtlichen Entwicklung erfolgen könnte. Im vierten Teil geht der Autor auf die „Blütezeit des Islams“ ein und definiert diese neu als dessen formative Periode. Im fünften Teil fasst er die Ergebnisse zusammen, gibt einen Ausblick, wie eurozentrische Fixierungen überwunden werden können und erläutert, warum die Meinung, der Islam stecke noch im Mittelalter, keine historische Berechtigung hat.

Bewertung

Die geschichtliche Epocheneinteilung Antike-Mittelalter-Neuzeit ist jedem sicherlich noch aus seiner Schulzeit bekannt. Dabei blieb jedem das Mittelalter als eine sehr stark religiös geprägte, dunkle Zeit in Erinnerung, auf welche die Renaissance folgte und erneut die Wissenschaften und die Künste zum Blühen brachte. Aber kaum jemand hat sich die Frage gestellt, ob diese Einteilung universell gültig ist und alle Länder und Kontinente in ihrer Entwicklung ebenso diesem Schema gefolgt sind. Im europäischen Kontext verbinden wir das Ende der Antike mit dem Niedergang des Weströmischen Reiches. Thomas Bauer schildert aber anschaulich, dass die Antike im oströmischen Reich (später byzantinisches Reich genannt) und im persischen Sassanidenreich weiterbestand und das islamische Kalifat somit als Erbe der römisch-griechischen sowie persischen Antike betrachtet werden soll. In der Kultur von al-Andalus, Nordafrika und von Syrien bis Persien wurden die antiken Entwicklungen und Errungenschaften weitergelebt, wie Bäder, Kirchen, Galerns Medizin, steinerne Bauten, Dachziegel, Glas, Liebeslyrik etc. Diese Errungenschaften kamen nach Europa erst zu Beginn der Neuzeit aus dem Orient zurück. Das Buch ermöglicht einen anderen Blick auf die Geschichte sowohl des Orients als auch des Okzidents. Bauer stellt die Epochengrenzen in Frage und zeigt ihre eurozentrische Ausprägung. Nachvollziehbar und durch Forschungen untermauert geht er auf die Bedeutung des 11. Jahrhunderts für den gesamten eurasischen Kontinent ein und schlägt seine eigene Epocheneinteilung vor. Auch führt er dem Leser vor Augen, dass es sich lohnt, über den europäischen Tellerrand hinauszuschauen, um weitere Reichtümer der Menschheit zu entdecken.

Fazit

Ein weiteres bahnbrechendes Buch, das eine ganz andere Sicht auf die Geschichte des Orients ermöglicht. Verständlich geschrieben, wissenschaftlich fundiert und spannend zugleich!