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Der Spielzeugsammler

Der Spielzeugsammler

Buch - Drama | James Gunn
Bewertung:★★★★

James Gunn hat nicht nur die "Guardians of the Galaxy" auf die Leinwand gezaubert, er hat auch eine harte Charakterstudie in Romanform verfasst, die ich euch gerne vorstellen möchte.

Handlung

James Gunn ist dem ein oder anderen vielleicht ein Begriff, wahrscheinlich aber nicht als Autor klassischer Romane, sondern als sehr erfolgreicher Regisseur und Produzent, der sich vor allem mit dem Marvel-Film „Guardians of the Galaxy“ und der Fortsetzung eine ziemliche Reputation aufgebaut hat. Vor seinem großen Durchbruch im Filmgeschäft gab er im Jahre 2000 mit „Der Spielzeugsammler“ (The Toy Collector) sein Debüt als Romanautor, dem bis heute literarisch allerdings nichts nachgefolgt ist und somit den einzigen, einsamen Eintrag seiner Bibliografie darstellt (Mitwirkungen außen vor).

In „Der Spielzeugsammler“ folgt der Leser dem Protagonisten James „Jamie“ Gunn in personaler Erzählform über zwei abwechselnd fortlaufende Handlungsstränge: Einmal dem Gunn in den 20ern und einmal seinem Ich in Kindheit und Jugend. Der „ältere“ Gunn arbeitet als Helfer in einem Krankenhaus, ist chronisch pleite und bedingt durch seine geringe Entlohnung an einen niedrigen Lebensstandard gewöhnt, den er sich zusammen mit seinem Kumpel Bill in einer WG teilt. Sie beide entwickeln eine Sammelobsession für Spielzeugfiguren, die sie sich mit ihrem regulären Einkommen aber nicht leisten können. Aus diesem Grund fangen sie an, bei ihrem Arbeitgeber Medikamente zu stehlen und diese zu verkaufen. Kurz darauf lernt er die junge, hübsche Evelyn kennen, verliebt sich und findet sich in der Situation wieder, dass sein bisheriges Hamsterrad von Leben überhaupt nicht für eine solche Beziehung geeignet ist. Den „jungen“ Gunn verfolgt der Leser in mal mehr, mal weniger großen Zeitsprüngen durch seine Kindheit und Jugend. Diese prägende Zeit und all die Erfahrungen und „Abenteuer“ erlebt er mit seinem Bruder Torf und seinen Freunden Nancy und Gary.

Bewertung

Ich habe mir vorab keine Kritiken durchgelesen, höchstens ein paar überflogen, und hatte dementsprechend die sehr trügerische Erwartung, dass es sich um eher lockeren Stoff handeln würde, wie man es nach seinen Regiearbeiten im Marvel Cinematic Universe vielleicht erwarten würde. Das ist weit gefehlt, denn Gunn schafft mit dem gleichnamigen Protagonisten einen sehr bitteren Charakterentwurf, der etwas ganz anderes ist als ein humoristisch angehauchter Modelltyp des klassischen Nerds, der einfach nicht aus sich herauskommt. Es ist eine krasse Mischform aus Eskapismus, Soziopathie, Trauma und einer großen Portion Arschloch, von der ich nur hoffen kann, dass die autobiografischen Anteile möglichst gering sind. Aus dieser Perspektive, als Charakterstudie, ist das Buch sogar sehr gelungen, wenn es auch einiges abverlangt, einer solchen Figur über 300 Seiten folgen zu müssen. Der Autor beschreibt sehr detailliert und auch nachvollziehbar, wie sich seine Hauptfigur ihr Leben ruiniert und in was für selbstzerstörerischen Denkmustern er gefangen ist, die immer dann greifen, wenn man schon dachte, es richte sich alles wieder ein.

Die Spielzeuge sind dabei selbstverständlich nur Symbole. Symbole einer verlorenen oder zumindest vergangenen Kindheit und der Sehnsucht nach Unschuld in einer Zeit, als alles noch „gut“ war. Dahingehend gibt es zwar viele namentliche Nennungen und Referenzen, wer aber ein Feuerwerk a la Ready Player One erwartet, wird enttäuscht werden. Sofern man kein Kenner von Actionfiguren ist, geht man leer aus. Wesentlich mehr Aufmerksamkeit widmet der Autor dem Konsum von Drogen, Alkohol und einem anderen Symptom von Jamies Problemen, und zwar seinem unverbindlichen Sexualleben. Gerade Letzteres findet sehr viel Erwähnung und wird auch oft sehr detailliert beschrieben, generell sind sexuelle Elemente nahezu omnipräsent, und ab einem recht frühen Zeitpunkt sogar in dem Handlungsstrang um den jungen Jamie ausgiebig angelegt. Das passt grundsätzlich zum Charakterentwurf, auch in der Art und Weise, der Umfang ist aber zeitweise ermüdend und wäre in meinen auch in geringerem Maße absolut ausreichend gewesen. Die Beschreibungen sind dabei gerne recht bizarr, passend zum Protagonisten.

Fazit


Direkt nach der Lektüre hatte ich sehr gemischte Gefühle, wie das Buch zu werten ist. Die Tatsache, dass der Protagonist für mich ein großer Unsympath ist, hat es schwer gemacht, hier trotz des guten Schreibstils und der sorgfältigen Ausarbeitung mit einem positiven Fazit zu schließen. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass „Der Spielzeugsammler“ bei weitem nicht für jeden etwas ist, aber als Charakterstudie gestehe ich Gunn zu, dass er hier durchaus abgeliefert hat.